Joachim Lothar Gartner

Zu den Bildern von Stylianos Schicho:

Fanden in den letzten 25 Jahren – mit gelegentlichen Ausnahmen – vorwiegend Konzept- und Kontextkunst, (Video-) Installationen, Multimediaprojektionen und Internetprojekte in der Fachwelt Beachtung und Anerkennung, so zeichnet sich seit geraumer Zeit eine deutliche Entwicklung ab, hin zum immer wieder totgesagten Tafelbild, zur gegenständlichen Malerei.
Fotografie, Film, elektronische Medien, haben die Wahrnehmung der Welt und die Rolle des Künstlers in ihr entscheidend verändert. Die Werbeindustrie mit ihrem permanenten Bilderhagel bestimmt in rasanter Geschwindigkeit mit psychologischer und ästhetischer Macht, wie wir die Welt wahr- und aufzunehmen haben. Die Verunsicherung des Künstlers über die Sinnhaftigkeit, was ein einzelnes gemaltes Bild in der Flut dieses unaufhörlichen Bilderstroms noch bedeuten bzw. bewirken kann, ist absolut nachvollziehbar und verständlich.

Entscheiden sich trotzdem immer mehr an den Akademien und Kunstuniversitäten dafür, ihren Weg mit den traditionellen Mitteln Pinsel und Leinwand zu beginnen, um mit eigener malerischer Handschrift gegen die Verflüchtigung der Wirklichkeit anzukämpfen, so ist das als eine Gegenreaktion zu verstehen.
Einer, der diesen Weg eingeschlagen hat, ist Stylianos Schicho; geboren 1977 in Wien, studierte er Malerei an der Universität für angewandte Kunst in Wien bei Prof. Herzig, wo er 2005 mit dem Diplom abschloss.

Die Menschenbilder von Stylianos Schicho sind in mehrfacher Hinsicht überaus bemerkenswert und überraschend.
Sein Thema ist das der „Beobachtung“, hierbei kommt das Genre des Portraits in einer monumentalen wie zugleich intimen Variante neu zum Zug. Dabei steht hinter der meisterlichen Darstellung, der virtuos gesetzten Strich- und Pinselführung eine sozial- bzw. zeitkritische und konzeptgeleitete Herangehensweise.

Dieser überaus komplexe Themenbereich impliziert eine Reihe von Fragen, die ich hier an den Künstler selbst richten möchte:

Gartner: Als Betrachter Ihrer Bilder fühle ich mich wie ein Fremdkörper, wie ein anonymer Eindringling in ein Geschehen, das sich vor mir in einem anderen Raum abspielt, ohne zunächst wahrgenommen zu werden, bis ich schließlich „entdeckt“ werde; plötzlich werde ich selbst zum Akteur.

Schicho: Die Bilder zeigen meist öffentliche, soziale Räume, die nicht nur einen, sondern mehrere miteinander vernetzte Beobachtungsräume darstellen. Dies passiert dadurch, dass die in den Bildern dargestellten Personen als individuelle Beobachter agieren. Sie fassen Objekte oder Personen ins Auge, die für den Bildbetrachter fast nie lokalisierbar sind bzw. undefinierbar bleiben. Die Blicke der dargestellten Figuren wandern sozusagen aus dem Bild hinaus in einen imaginären Beobachtungsraum, der für den Bildbetrachter selbst unsichtbar, verborgen bleibt.

Gartner: In nahezu allen Bildern findet sich eine Person – oft der Künstler selbst -, die einen direkten Blickkontakt mit dem Betrachter aufnimmt.

Schicho: Das stimmt. Dadurch entsteht zwischen Bild und Betrachter ein Verhältnis von Anschauen und Angeschautwerden. Dies geht sogar so weit, dass wenn ich mich selbst abbilde, der Maler derjenige ist, der aus dem Bild beobachtend blickt. In diesem Fall werde ich zum Beobachter, der sich selbst beobachtet.
Dieser Spezialfall der Selbstbeobachtung funktioniert natürlich nur bei meiner eigenen Person.
Dieses Phänomen erschafft einen neuen Beobachtungsraum, der letztlich in sich geschlossen bleibt.

Gartner: Die agierenden Personen wirken isoliert, ihr Gesichtsausdruck ohne innere Regung, resigniert, den Mund geschlossen, lautlos, einsam, fast inhaltsleer.

Schicho: Die einzelnen Figuren sind sich einerseits zwar nahe, aber sie interagieren nicht. Dadurch verstärke ich den Eindruck, dass jeder Mensch in seiner Individualität und in seiner Wahrnehmung alleine ist. Die im Gegensatz zur körperlichen Nähe stehende emotionale Isolation führt zur Frage: Kann man mit einem anderen Universum (= Mensch) überhaupt kommunizieren?
Dementsprechend haben ausnahmslos alle dargestellten Figuren in meinen Bildern einen Ausdruck der Resignation, oft auch der Aggression, meistens der Leere im Blick und vermitteln dem Betrachter eine Kälte, die ihn auf eine von Antisolidarität und sozialen Härten geprägte Wirklichkeit zurückwirft.

Gartner: Die Blicke der dargestellten Menschen begegnen einander nicht – sie schauen aneinander vorbei, in Räume, die außerhalb des Bildgeschehens liegen.

Schicho: Durch diese nicht vorhandene Interaktion der einzelnen Bildfiguren entsteht eine Spannung, die den Bildern im wahrsten Sinne des Wortes eine „Sprengkraft“ verleiht, die über den „Rahmen“ hinausgeht. Man könnte es auch eine „Architektur des Blickes“ nennen, die den Raum auch über den Illusionsraum des Bildes hinaus definiert.

Gartner: In dem Bild „A sad angry – no… just a fucking day in the gym!” aus dem Jahr 2005 wird eine alltägliche Situation in einem Fitness-Studio dargestellt, mit drei ihr Trainingsprogramm absolvierenden Personen. Bei näherem Hinsehen jedoch verrät ihr Ausdruck eine innere Bedrücktheit und Unfreiheit.

Schicho: Im Unterschied zu manch anderen Bildern stellt dieses einen rein „innerlichen Ausnahmezustand“ dar. Der Gesichtsausdruck von zwei der drei Dargestellten relativiert den ersten Eindruck sofort: Die junge Frau im Zentrum des Bildes wirkt desorientiert und ziellos, auch ihr Blick verrät Resignation angesichts einer nicht bewältigbar erscheinenden Aufgabe. Es muss sich dabei jedoch nicht nur um ihren Trainingsplan handeln. Hier wird die Ambivalenz unserer Gesellschaft auf andere Weise verdeutlicht: Wir sitzen alle in unserem eigenen Gefängnis, in das wir uns selbst gesteckt haben, in dem wir Insasse und Wächter in einer Person sind, und uns selbst zornig dabei beobachten, wie wir unsere Strafe abarbeiten.

Gartner: Alle Ihre Arbeiten lassen eine Liebe zum Detail erkennen, wodurch die dargestellten Szenen auch ihre Faszination und Überzeugungskraft erhalten, ohne jedoch Illusion schaffen zu wollen, sondern die Realität verdeutlichen, verstärken.

Schicho: Detailstudien, die Selektion im Hinblick auf meine Bildidee, sind für mich wichtiges Fundament und gleichzeitig Ausgangspunkt des Entstehungsprozesses. Dazu gehört sowohl die Auseinandersetzung mit der realen Situation, als auch das Erleben derselben, um so zu größtmöglicher Einheit mit dem Dargestellten zu kommen.
Letztlich kann ich mich – und können wir uns alle – aber nicht darauf verlassen, dass uns die eigene Wahrnehmung nicht trügt und uns die Beobachtung unserer selbst nicht täuscht.

Gartner: In allen Bildern wird die klassische Perspektive der Überwachungskamera als Stilmittel eingesetzt.

Schicho: Damit stelle ich die Frage der Beziehung zwischen Beobachtetem und Beobachter. Die Überwachungskamera ist mittlerweile zu unserem ständigen, fragwürdigen Begleiter geworden. Jeder Bewohner Londons wird – statistisch gesehen – dreihundertmal pro Tag digital festgehalten, beobachtet. Zu unserer Sicherheit, unserem Schutz?

Das Gespräch führte Prof. Joachim Lothar Gartner, Maler, Vizepräsident des Künstlerhauses Wien, im Café Sperl in Wien am 16.September 2006.