Hartwig Knack

HIER IST DAS VÖGELCHEN!
Vom Überwachen und überwacht werden. Ein Ernstfall.

„Es stellt sich die absurde Situation dar, dass ich selbst, in dem Augenblick, da ich mich dem Betrachter – in diesem Fall mir selbst – zuwende, mein eigener Beobachter und so zu meinem eigenen „Big Brother“ werde.“
Stylianos Schicho, 2005

Der Themenkreis Wahrnehmung, Überwachung, Beobachtung und Selbstbeobachtung übernimmt in den Arbeiten des 1977 in Wien geborenen Künstlers Stylianos Schicho eine tragende Rolle. Ihm geht es um das Ausloten von “Beobachtungs- oder Überwachungsräumen“, in denen durch die Positionierung von Kameras beobachtet und überwacht wird. In seinen zum Teil monumentalen Malereien setzt der Absolvent der Wiener Universität für angewandte Kunst die klassische Perspektive der Überwachungskamera zum einen als Stilmittel ein, um die Frage der Beziehung zwischen Beobachteten und Beobachter zu stellen, zum anderen richtet er seinen kritischen Blick auf die Diskussionen nach innerer Sicherheit, die seit den Anschlägen des 11. September 2001 in den USA mehr denn je im Blickfeld der internationalen Öffentlichkeit stehen.

Im Jahr 1785 entwarf der englische Jurist und Philosoph Jeremy Bentham einen Gefängnisbau, den er Panopticon nannte. Das Neue an der Architektur war, dass von einem zentralen Turm aus alle Inhaftierten in ihren Zellen oder im Freien beobachtet werden konnten, ohne dass sie selbst die Möglichkeit hatten in diesen Turm hineinzusehen. Sie konnten sich also nie sicher sein, ob sie nicht permanent überwacht würden. Bentham hoffte, dass die Gefangenen durch das Wissen um die Möglichkeit des ständigen Überwachtwerdens vor Straftaten zurückschrecken würden. Er verstand sein „panoptisches Prinzip“ als Beitrag zur Erziehung der Menschheit im Sinne der Aufklärung. Obgleich sich in der Folge eine ganze Reihe von Gefängnisbauten in England an Benthams Entwürfen orientierten, galten seine Ideen und Vorstellungen immer als umstritten. Michel Foucault war es, der 1975 das Panopticon wieder in die zeitgenössische kultursoziologische Debatte einbrachte, denn er erkannte in dem Modell Jeremy Benthams die bestmögliche Beschreibung der modernen Überwachungsgesellschaft . Der französische Philosoph Gilles Deleuze führte 1990 die Untersuchungen Foucaults quasi weiter und beschreibt in seinem Essay „Postskriptum über die Kontrollgesellschaften“ unter anderem die Vision einer Stadt, „in der jeder seine Wohnung, seine Straße, sein Viertel dank seiner elektronischen Karte verlassen kann, durch die diese oder jene Schranke sich öffnet; aber die Karte könnte auch an einem bestimmten Tag oder für bestimmte Stunden ungültig sein; was zählt, ist nicht die Barriere, sondern der Computer, der die – erlaubte oder unerlaubte – Position jedes einzelnen erfaßt.“ Ein treffendes Beispiel für den aktuellen Realitätsgehalt dieser beängstigenden Vorstellung ist die erst kurz zurück liegende Einführung elektronischer Fußfesseln im österreichischen Strafvollzug. Seit Januar 2006 hat das Justizministerium mit dem grundsätzlichen Betrieb des elektronisch überwachten Hausarrestes (electronic monitoring, EM) für Freigänger begonnen. Ein GPS- Ortungssystem definiert exakt, welche Wege die Straftäter wann nehmen dürfen.

Und dennoch: Staatliche und privatwirtschaftlich organisierte Überwachung hat schon seit langem ihren Schrecken verloren. Längst hat sich die Mode „überwacht zu werden“ auch in den Massenmedien – vor allem im Fernsehen – etabliert. „Big Brother“ gehört mittlerweile zum Pflichtprogramm der meisten westlichen Länder und steht schon seit vielen Jahren nicht mehr für diktatorische Herrschaft, sondern für innovativen Fortschritt im facettenreichen Sektor privatrechtlichen Entertainments. Anfängliche, von den Produzenten dieser Reality-TV-Shows erwartete Empörungen sind längst verflogen, Desinteresse und gähnende Langeweile lassen die Einschaltquoten in den Keller stürzen. Diese plötzliche kollektive Müdigkeit am Orwell’schen Prinzip der Kontrollgesellschaft und die Terroranschläge des 11. September haben sicherlich dazu beigetragen, dass der kontinuierliche Ausbau flächendeckender und vielgestaltiger Überwachungsmaßnahmen von der europäischen Öffentlichkeit nahezu unreflektiert zur Kenntnis genommen wird. Videoüberwachung ist alltäglich geworden und gehört heute zur Infrastruktur der Städte wie Straßenlaternen, Ampeln oder Zebrastreifen.

Vor fast exakt fünf Jahren organisierte das Zentrum für Kunst und Medientechnologie ZKM in Karlsruhe die interdisziplinär ausgerichtete Ausstellung CTRL [Space]: Rhetorics of Surveillance, die sich der beunruhigenden und zunehmenden Präsenz von Kontrollmechanismen in unserem Alltag widmete . Neben John Lennons und Yoko Onos Video „Film No. 6, Rape“ (1969), einer der frühesten Arbeiten, die frappierend die heutige Reality-TV Ästhetik vorwegnimmt, waren etwa 50 international etablierte Kunstschaffende wie zum Beispiel Sophie Calle, Harun Farocki, Dan Graham, Bruce Nauman, Andy Warhol oder Peter Weibel vertreten. Die Schau zeigte, dass sich Künstlerinnen und Künstler jenseits des aktuellen Tagesgeschehens bereits lange und auf unterschiedlichste Art sehr kritisch mit dem Thema des Überwachens und überwacht Werdens auseinandergesetzt haben.

Auch Stylianos Schicho ist sich bewusst, dass Videoüberwachung einen massiven Eingriff in die Persönlichkeitsrechte darstellt. Das Grundgesetz gibt den Bürgerinnen und Bürgern das Recht zu erfahren, wer wann und wo welche persönlichen Daten aufzeichnet. Die meisten Figuren in Schichos Bildern vermitteln einen unsicheren, verängstigten, pessimistischen oder auch gleichgültigen Eindruck. Wissen sie, ob sie gerade aufgezeichnet oder “nur“ beobachtet werden? Wissen sie, wie lange die Bilder gespeichert bleiben oder wofür die Personen „hinter der Kamera“ die gespeicherten Daten in der Folge verwenden? Wollen sie durch ihre (gespielte?) Teilnahmslosigkeit unauffällig wirken, um dem kritischen Kameraauge unverdächtig zu erscheinen, oder haben sie sich in ihrem Sozialverhalten dem Überwachtwerden bereits soweit angepasst, dass ihr apathisches Handeln als innerhalb der Norm bezeichnet werden kann? Schichos Protagonisten werden nicht nur an öffentlichen Orten wie etwa im Casino, Flugzeug, Schwimmbad oder im Supermarkt beobachtet, sondern auch im privaten Bereich beim Tanzen, auf der Vespa fahrend oder beim Tête-à-tête im Caféhaus überwacht. Resignativ und abwesend blicken die Dargestellten aneinander vorbei ins Leere. Durch diese fehlende Interaktion beschreibt Schicho Situationen, die die Menschen in ihrer Einsamkeit und emotionalen Isoliertheit zeigen. Erinnerungen an den Roman „1984“ des englischen Schriftstellers George Orwell werden wach, in dem das Leben der Hauptfigur, Winston Smith, durch ständige Überwachung, Angst und Mangel an persönlichen Beziehungen charakterisiert ist. In nahezu allen Arbeiten Schichos Bilderserie findet sich eine Person dargestellt – oft ist es der Künstler im Selbstporträt – die sich in direktem Blickkontakt mit dem Betrachter befindet. So entsteht ein Spannungsbogen zwischen anschauen und angeschaut, zwischen beobachten und beobachtet werden, der die Frage nach dem „Wer observiert hier wen?“ bewusst offen lässt. Ähnlich wie Winston Smith gegen das System des „Großen Bruders“ aufbegehrt, um seine Privatheit zu sichern, visualisiert das konzentrierte, misstrauische, bisweilen aggressive „in die Kamera Blicken“ des Künstlers ein genaues Hinschauen auf gesellschaftliche Vorgänge. Anders aber als Orwells Roman, der zwar die Ängste der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg reflektiert, beschwört Schichos Bildwelt keine negative Utopie, bietet also keinen visionären Blick in die Zukunft, sondern zeigt aus einem exzeptionellen und zugleich gewöhnlichen Blickwinkel ein differenziertes Bild unserer gegenwärtigen Überwachungsgesellschaft auf.

Hartwig Knack
Kurator Kunsthalle Krems

(1) Michel Foucault, Surveiller et punir, 1975. Deutsche Ausgabe: Überwachen und Strafen: Die Geburt des Gefängnisses, 1977
(2) Gilles Deleuze, Postskriptum über die Kontrollgesellschaften. In: L’autre journal, Nr. 1, Mai 1990.
(3) Zur Ausstellung (13.10.2001 – 24.2.2002) erschien ein Katalog in englischer Sprache. CTRL [Space]: Rhetorics of Surveillance from Bentham to Big Brother, Hg. Thomas Y. Levin und Ursula Frohne, MIT Press, Zentrum für Kunst und Medientechnologie ZKM Karlsruhe.